Zur Wiegenforschung 05-02-2005

Da hoffentlich bald eine längsschwingende! Gestellhängewiege entsteht, (in Zusammenarbeit zwischen der medeweger Korbflechterei von Danielle Schmidt und der Bettlerei), hier ein Beitrag zur Wiegentheorie. Ein Text von ´97 schon, nur wenig verändert.

Ich baue Längsschwinger und zwar als Bildhauer, nicht als Geometer. Das gibt reichlich Gelegenheit zur Beobachtung eines sehr differenzierten Wiegens: nach vorn anders als nach hinten, mit wechselnden Geschwindigkeiten, etc.. Doch bin ich nebenbei auch gerne Geometer und prüfe so das Wie und sein Warum.

Der Einfachkeit halber stellen Sie sich bitte zunächst die bekanntere, symmetrisch schaukelnde Querschwingung vor. Betrachten wir die Folgen verschiedener Kufenkrümmungen, beginnend jeweils in angekippter Wiegenlage. Zuerst die Extreme:

Ist die Krümmung nur wenig flacher als ein Kreisbogen um den Wiegenschwerpunkt, hat die Wiege nur ein geringes Motiv zum Schwingen, die sanft beginnende fast-unermüdliche fast-Rollbewegung kommt nur sehr langsam zur Ruhe. Soll die Kufe aber derart geformt werden, das ein Überkippen deutlich unmöglich ist, braucht es dann einen Knall-harten Anschlag als Umlenkung und "Bremsung".

Tendiert die Krümmung gegen Null, so wird das Schwingmotiv sehr groß, die Wiege fällt in ihre Bewegung, beschleunigt sehr schnell, grad so, wie sie gebremst wird. Die Schwingbewegung wird zu einem schnell erlöschenden Kippen - wie bei einem rotierenden Teller.

Beides taugt nicht für eine Wiege, das ist klar. Die Kufe muss schon eine erheblich flachere Krümmung haben als die erstgenannte, wenn nicht jede Bewegung des Kindes gleich eine Lageveränderung des Ruhepunktes und also auch der Matraze bewirken soll, - damit auf eine harte abrupte Bremsung verzichtet werden kann. Die Wiege soll aber auch eine leicht in Gang zu bringende beruhigende Schwingung erlauben, braucht also auch eine erheblich rundere Kufe als die zweitgenannte.

Nun gibt es die Möglichkeit, die Krümmung zu differenzieren. Man kann die Kufen um den Ruhepunkt herum recht flach halten und zu den Enden hin stärker biegen, (Ausschnitt einer liegende Ellipse). Das Ergebnis ist eine schwer in Gang zu setzende, dann energiereiche Schwingung mit ausklingend sich beschleunigender Frequenz - eine Weckwiege. Umgekehrt, mit starker Krümmung beim Ruhepunkt und abnehmender zu den Enden hin, ergibt sich eine leicht in Gang zu bringende Schwingung mit verlangsamendem Ausklingen, (Ein Stück einer Parabel oder besser noch Kettenlinie).

Die Frequenzänderung erfolgt stetig nur bei genauso stetiger Krümmungsänderung. Da es sich beim ausklingenden Schwingen immer um einen sehr kleinen Kufenabschnitt nur handelt, ist eine Differenzierung da Feinstarbeit. Bei den meißten von mir daraufhin beobachteten und eingestellten Wiegen geht die Frequenzänderung nicht ganz stetig vor sich, sondern es wechseln - kaum erkennbar - leise Beschleunigungen mit Verlangsamungen und gleichschwingenden Phasen ab.

Interessant sind weitere Möglichkeiten: Und zwar kann man die Kopf- und die Fußseitige Kufe verschieden formen. Schwingt es kopfseits bei engerer Krümmung ruhiger als bei den flacher bekuften Füßen, gibt dann jeder Schwung das Gefühl eines leisen Dralles; als ob bei leicht gebremstem kKopf die Füße je etwas über Bord geworfen werden sollten. (Siehe die Querschwingerwiege bei den Beispielen!) Die umgekehrte Variante erscheint als Einladung zu abwechselndem über-Bord-speien sozusagen.

Oder man formt die Kufe rechts des Ruhepunktes anders als links. Das ist bei Querschwingern für den Wiegenbewohner nur in Seitenlage erträglich. Für Längsschwinger bieten sich da allerdings erst die gößten Möglichkeiten. Es mag wer will probieren. Wer unbedingt Seekrankheit und gewiß Schlimmeres noch hervorrufen will, mag bei diagonal verschobenen Ruhepunkten die verschiedenen Differenzierungsmöglichkeiten gleichzeitig und kreuzweise nutzen.

Eine Eiförmige Kufe wie ich sie baue

Ich baue die Wiegen frei von geometrischen Absichten aus dem Gefühl. Da meine Längsschwinger kopf-fußwärts sehr verschieden geformt und gewichtet sind, ergibt sich aus der gewünschten Horizontallage der Matratze die Notwendigkeit einer asymetrischen Kufe, eiförmig, mit außermittigem Ruhepunkt. Meist treffe ich die Sache dabei so. daß eine gleichbleibende oder leicht verlangsamende Schwingung entsteht mit einer Frequenz von 0,8 - 1,2 Hertz. Der Schwung ist dabei kopfseits etwas ruhiger als fußseits. Der Wiegenschwerpunkt liegt etwas oberhalb der Matratze im Brustbereich des Wiegenbewohners. Sind dieser und die gewünschte Horizontallage mit dazugehörigem Ruhpunkt einmal gefunden, ist es nicht schwer, die Frequenz und den Schwungcharakter frei einzustellen.