"...Der Ausgangspunkt für Goethes Farbenstudien war die für ihn überraschende Beobachtung, daß ein Prisma nicht eine weiße in eine farbige Fläche verwandelt, sondern daß die Farben an der Grenze von Hell und Dunkel als Randerscheinungen auftreten. Aus diesem Urphänomen entwickelte er seine auch heute noch immer umstrittene und doch so zukunftsträchtige Farbenlehre. An der Grenze der Tag- und Nachtseite der Erde tritt uns dieses Urphänomen, zu globaler Größe gesteigert, in der bereits eingangs erwähnten Dämmerungszone entgegen.
Denn in der Morgen- und Abenddämmerung treten alle Farben auf, die uns vom Regenbogen her bekannt sind: Im schwindenden Blau des Himmels glüht die rote Sonne inmitten eines goldgelben und orangen Dämmerungsstreifens, der nach oben über ein zartes Smaragdgrün ins Blau übergeht. Sehen wir jedoch von all der Farbenpracht ab, weIche die Morgen- und Abendröte durch das Spiel der Wolken und sonstiger wechselnder meteorologischer Elemente erfährt, dann tritt in den Dämmerungserscheinungen des reinen, wolkenlosen Himmels eine feststehende, genau bekannte Gesetzmäßigkeit hervor.

Im Osten schiebt sich bei Sonnenuntergang der aschgraue Erdschatten hoch, umsäumt von violetten Tönen, die in den intensivsten Purpur der sogenannten Gegendämmerung übergehen. Dieser streicht kaum merkbar über uns hinweg und verdichtet sich bei einem Sonnenstand von etwa 6 Sonnendurchmessern unter dem Horizont, was 3° Sonnendepression entspricht, über dem Horizont in 25° zum sogenannten ersten oder Hauptpurpurlicht, das sich langsam in seiner Intensität steigert, um bei 12 Sonnendurchmessern Horizontabstand des Tagesgestirns (6° Depression) zu verschwinden. Ihm geht das bekannte Alpenglühen parallel. Dieses füllt in unseren Breiten etwa die Zeit zwischen 15 und 33 Minuten nach Sonnenuntergang aus. Inzwischen zog vom Osten eine zweite, zarte Purpursphäre herauf, die am Westhimmel ihre Hauptentwicklung zeigt, wenn die Sonne 18 Vollmondbreiten (9°  Sonnendepression) unter den Horizont gesunken ist. Das Nachglühen der Alpen setzt etwa 40 Minuten nach Sonnenuntergang ein und dauert circa 20 Minuten. Zugleich sinkt im Westen der sogenannte erste leuchtende Dämmerungsbogen (nicht zu verwechseln mit dem ersten Purpurlicht!) unter den Horizont und beendet ungefähr drei Viertelstunden nach Sonnenuntergang die »bürgerliche« Dämmerung. Nachdem bei 22 Vollmonddurchmessern Sonnenabstand auch das Nachglühen verschwunden ist, erblicken wir die Landschaft im fahlen, fast farblosen »Zwielichtschein« des zweiten oder Hauptdämmerungsbogens, dessen milchweißes Licht bei 17° Sonnendepression unter den Horizont sinkt und die Sterne freigibt. Die gesamte, sogenannte astronomische Dämmerung ist beendet; die Sternennacht entläßt bei 24° Sonnendepression den allerletzten Tagesschimmer in Gestalt des bläulich gefärbten Nachdämmerungsbogens.

Das Kommen und Gehen des Tageslichts erfolgt also nicht in kontinuierlicher quantitativer Zu- und Abnahme, wie man zunächst erwarten möchte, sondern in stufenweisen, rhythmisch gegliederten Steigerungen und Ent-Steigerungen. Die merkurielle Kraft der Erdatmosphäre bringt den Tag und die Nacht aktiv zum Ausgleich und schafft so erst den eigentlichen Morgen und Abend als selbständige, wesenhafte Tageszeiten, die sie zwischen Tag und Nacht hineinrhythmisiert.

Nochmals fällt unser Blick auf die ganze Erde. Während an der Westküste Englands, in der Bretagne und den Pyrenäen die Sonne glutrot untergeht, funkeln in Leningrad die ersten Sterne. Die Nordsee und der Montblanc in den Westalpen glühen zugleich im Spiegelglanz der ersten Purpurröte, während die Ostsee und der Großglockner im Nachglühen erröten. Königsberg und die Karpaten liegen im Zwielicht, während in der Nacht von Moskau und der Ukraine die allerletzte Nachdämmerung verschwindet. Ganz Mitteleuropa liegt demnach ausgebreitet im Farbenweben der Abenddämmerung. Von Europa ausgehend, umschlingt östlich des Abendkreises auf der Nachthälfte des Planeten ein circa 2000 km breites Band als Abenddämmerungsbogen die Erde von Arktis zu Antarktis; dieser kreuzt den Tropengürtel und wird auf der anderen Seite des Erdballs von einem Farbenbogen der Morgendämmerung abgelöst. Wie zwischen dem Schwarz der Pupille und der peripheren weißen Lederhaut des Auges die Regenbogenhaut, die Iris, eingespannt ist, so wird die Erde zwischen lichter und finsterer Hälfte von einer gewaltigen Iris umschlungen, der Heimat aller Morgen- und Abendkräfte.

Die Orte der Tropengegend kreuzen den Dämmerungsgürtel meistens fast rechtwinklig, weswegen die Dämmerung in diesen Erdgebieten am kürzesten ist und nur 1 Stunde 12 Minuten bis höchstens 1 Stunde 19 Minuten dauern kann. Sehr rasch bricht die Nacht herein, denn die Sonne geht am Äquator senkrecht und in den niederen Breitengraden fast senkrecht unter und entfernt sich schnell vom Horizont. Je höher die Breitengrade sind, um so länger dauern Morgen- und Abenddämmerung. In unseren Breiten gleiten die Orte zumeist schräg mit der sich drehenden Erde unter den beiden Farbenbogen hindurch. Die kürzesten astronomischen Dämmerungen betragen bei uns (auf 50° nördlicher Breite jeweils am 3. März und 11. Oktober) 1 Stunde und 53 Minuten, überschreiten also das Maximum der Tropen um 34 Minuten und wachsen in den hellen Sommernächten auf über 3 Stunden an. In der Arktis und Antarktis hinwiederum ist monatelang Dauertag mit der mitternächtigen Sonne und entsprechend lange Polarnacht. Das rhythmische Wechselspiel der Dämmerung tritt zurück und wird an den Polen selbst, wo die Sonne im Jahr nur einmal auf- und untergeht, zu einem einzigen Jahres-Morgen und einem Abend zusammengefaßt. In diesen Wochen vor der Frühlings-Tagundnachtgleiche und nach dem 21. September, während die Sonne in den Fischen aufgeht und in der Jungfrau langsam unter den arktischen Horizont sinkt, glüht allerdings der Polarhimmel in allen Farben.
Das eigentliche, besonders ausgeprägte, rhythmische Wechselspiel der Morgen- und Abendröte erfährt also in den mittleren Breiten, wo auch die optimalen Bedingungen zur Regenbogenentstehung liegen, seine schönste Steigerung. Die Umstände, welche die Regenbogenbildung fördern oder hemmen, beeinflussen die phänomenologische Entfaltung des Dämmerungsfarbenbogens im gleichen Sinn - was auf eine intime Verwandtschaft zwischen beiden Erscheinungen hinweist.

Figur 6. Die Erde zwischen Tag und Nacht. Nördliche Halbkugel zur Frühlings-Tagundnachtgleiche um 6 Uhr morgens mitteleuropäischer Zeit. Sonnenaufgang auf dem Meridian von Stargard (15°. östlicher Länge), Wendekreis des Krebses und Polarkreis sind eingetragen. Weitere Erläuterungen siehe Text.

Betrachten wir einmal die Erde »von oben« am 21. März um 6 Uhr mitteleuropäischer Zeit, wobei der gleichzeitige Blick auf einen Globus die Figur plastisch ergänzen kann (Figur 6). Die gesamte nördliche Halbkugel ist wieder in eine Kreisfläche projiziert gedacht. Die zwei Teilstücke des Morgen- und Abendkreises sind mit dem Meridian 15° östlicher Länge und 165° westlicher Länge identisch und erscheinen als gerade Linie C-D, die quer durch den Nordpol geht. Sie trennt die Tagseite der Erde von der Nachtseite. Die Erde dreht sich im entgegengesetzten Sinne des Uhrzeigers! Berlin (mit neun anderen Städten lagegetreu eingezeichnet in Figur 6) steht wenige Minuten vor Sonnenaufgang und liegt noch im Farbenbogen der Morgendämmerung, der durch Zentralafrika über Mitteleuropa hinweg in die Arktis führt und dort in den Abendbogen übergeht. Dieser umspannt, über Alaska und die Hawaii-Inseln ziehend, den gesamten Stillen Ozean. Die beiden Hunderte von Kilometern breiten Streifen des Purpurlichtes (Figur 6: a und b) und die Zonengrenzen der Sichtbarkeit der drei Dämmerungsbogen bringen die rhythmische Gliederung der Erdeniris zum Ausdruck (a, b und e).

Bei dieser Gelegenheit sei noch daran erinnert, daß - so, wie der Blitz vom Donner begleitet wird - die Natur in dieser Dämmerungsfarbenzone ein mächtiges Tonphänomen erklingen läßt, das besonders in der Frühe vor Sonnenaufgang beginnende, herzerquickende Vogelkonzert, welches sich aus dem Zwitschern, Singen und Jubilieren von tausend und abertausend Stimmen zusammensetzt.

Die auf dem Morgen- und Abendkreis senkrecht stehende Linie A-B vereinigt alle Orte der Erde, wo gerade Mittag beziehungsweise Mitternacht ist. Der Mitternachtsmeridian kreuzt zufällig gerade den Nordlichtpol (PP) und zieht über das östliche Nordamerika und New York, während in Ostasien über Irkutsk am Baikalsee und in Hinterindien die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hat.

Der Magnetpol (MP) in Nordamerika und der Nordlichtpol (PP) in Nordwestgrönland sind lagegetreu eingezeichnet. Über Nordamerika flammt das Polarlicht. Der ovale Kreis aus Kreuzchen ist die Linie maximaler Nordlichthäufigkeit, die Europa am Nordkap streift, Asien dagegen nicht berührt und der exzentrischen Lage des Magnetpols wegen sich weit nach Amerika verlagert. Wir bekommen also in Amerika weit mehr Nordlichter zu sehen als in Asien, während Europa die Mitte hält. In der Nähe von Singapore (bei B) auf der Halbinsel Malakka, das in der Nähe des Erdäquators liegt, steht die Sonne um diese Zeit, während sie in Mitteleuropa gerade aufgeht, senkrecht im Zenit. Hier prasselt jetzt unter Blitz und Donnerschlägen das tägliche Wärmegewitter herunter, denn wir befinden uns dort zur Tagundnachtgleiche im ersten Hauptjahresmaximum der Tropenregenzeit. Hier liegt damit das optimale Zentrum einer Wärmegewitterbildungszone, die sich von da aus konzentrisch über die Erde in die Morgen- und Abendgegenden ausbreitet.

Denken wir von diesem Zentrum aus nach allen Richtungen der Erde unsere Blicke ausgesandt durch die Gewitterzone hindurch, so sinkt für sie die Sonne, bei stillstehend gedachter Erde, immer tiefer herab, die Häufigkeit der Gewitter und Blitze läßt nach, und sie gelangen schließlich an eine kreisförmige Grenzlinie der Erde, wo die Sonne überall gerade noch 41° hoch steht. Jene schneidet den Mittagsmeridian im 49° nördlicher (und südlicher) Breite in der Nähe des Baikalsees, den Äquator im 56° und 154° östlicher Länge im Indischen und im Stillen Ozean. Ziehen wir um den Äquatorpunkt des Sonnenzenitstandes bei Singapore auf dem Globus einen Kreis (E-F) mit dem Radius von 49 Breitengraden, so schließt er eine völlig regenbogenlose Mittags- beziehungsweise eine eigentliche Blitz- oder Gewitterbildungszone ein (Figur 6: B). Beim Überschreiten dieser Grenzlinie, die wir als Iriszonengrenze bezeichnen wollen, erscheinen in Tokio, am Baikalsee, in Afghanistan und Arabien die ersten kleinen, flachen Regenbögen - geeignete Witterung vorausgesetzt. Je weiter wir uns in diesem neuen Gebiet von unserem Ausgangspunkt entfernen und damit aber dem Morgen- und Abendkreis beziehungsweise dem Dämmerungsfarbenband der Erdeniris nähern, um so größer werden die Regenbögen. Alle diejenigen Orte, die einen gleichgroßen Regenbogen aufweisen, liegen auf konzentrischen, erdballumspannenden Kreisen, deren Mittelpunkt das Zentrum der Gewitterbildung, also auch der Blitze ist. Wir wollen diese Kreise als Iso-iriden bezeichnen. Mit dem Sichausdehnen der Iso-iriden, die einem größten Kreis auf der Kugel zustreben, dem Tag- und Nachtkreis, wachsen gleichsinnig die Regenbögen. Auf Iso-iride G-H steht die Sonne nur noch 20° hoch und die Regenbögen sind bereits zu halber Höhe emporgestiegen. Wir befinden uns auf der mittleren oder Meso-iride. Der Morgen- und Abendkreis entpuppt sich demnach als die Iso-iride optimaler Regenbogenentfaltung (Maximaliride). Dem Dämmerungsfarbenbogen auf der Nachthälfte der Erde tritt auf der Tagesseite des Planeten eine gürtelförmige, erdballumspannende Regenbogenzone zur Seite. Sie geht unter steter Zusammenziehung aller möglichen Regenbögen langsam in die geschilderte Gewitterzone über und schirmt diese gewissermaßen gegen die Gebiete der Morgen- und Abendkräfte ab. Dort, wo dieser Regenbogengürtel die Polargegenden (die Nordlichtzonen) und die Tropen (den Blitz- und Gewittergürtel) schneidet, wird dabei die Häufigkeit der Regenbögen reduziert.
Die Erde ist gleichsam wie die Augenlinse in der Iris in ihren Farbenbändern frei beweglich aufgehängt. Lassen wir unter ihnen sich die Erde weiter drehen und fixieren Jerusalem und Berlin, so tritt ersteres in wenigen Stunden in die Gewitterzone ein, während Berlin um diese Jahreszeit die Regenbogenzone nicht verläßt. Wir sehen die bereits für Regensburg oder Karlsruhe geschilderten Verhältnisse (Seite 28) unter einem neuen Aspekt. In der Aufeinanderfolge der Tage im Jahreslauf entsteht so das bereits in Figur 1 dargestellte Bild der nördlichen Halbkugel.

Die urphänomenale Dreigestalt von Nordlicht, Blitz und Farbenbogen weitet sich vor unseren Augen zu einer dreigliedrigen Lichtorganisation, die die ganze Erde dreifach gegliedert umspannt. So wie der Regenbogen als Einzelphänomen vermittelt zwischen Blitz und Nordlicht, so verbindet der Dämmerungsfarbenbogen und der Regenbogengürtel die zweifache Polarlichtzone und den äquatorialen Gewittergürtel zu einer großen, dreigegliederten Einheit. Sie führen die Tagundnachtseite des Erdballs, rhythmisch vermittelnd, ineinander über. Zwischen die Polarität der an Mittag und Mitternacht, an Sommer und Winter, an Pol und Äquator gebundenen Nordlicht- und Blitzphänomene tritt ausgleichend und harmonisierend die mit den Morgen- und Abendkräften, den Frühlings- und Herbstzeiten verbundene merkurielle Farbenwirksamkeit. Sie erfährt in den beiden reinen Dämmerungsfarbenbögen ihre höchste Steigerung, denn in ihnen tritt wie aus einer höheren Ebene der Lichtwirksamkeiten jene Farbe in Erscheinung, die als einzige, von Schwarz und Weiß abgesehen, weder der funkelnde Tautropfen noch der Regenbogengürtel der Erde offenbart - das Purpurrot. Es entsteht, wenn wir den Regenbogen in der Mitte lösen und umstülpen und seine beiden Endfarben, das zum Kosmos hingerundete Gelbrot und das der Erde zugewandte Violett, vereinigen. Wir können auch, da das Ganze dem Teil stets übergeordnet ist, sagen: im Schoß des universellen, die einheitliche, große Erdeniris konstituierenden Farbenelementes des Purpurs schlummert die Regenbogenfarbigkeit und tritt am Morgen auf der Tagseite des Planeten, in vielen individuellen Sondergestalten auf der Erdoberfläche verkörpert, in Erscheinung. Aus dem Höhenelement des Purpurs empfängt der Regenbogen in der Tagesfrühe an der Schwelle des Morgenkreises seine Kraft und tritt als Hüter den mittäglichen Gewitterstürmen entgegen. Er gibt sie jeden Abend in dem Maße, als die Sonne, sich rötend, die Dämmerungsfarbigkeit aufruft, wieder zurück und verglüht als roter Bogen in die makrokosmische Muttersphäre der Erdeniris.

Während auf dem luft- und wasserentblößten Mond Materie und Sonnenlicht unvermittelt aufeinanderprallen, vermag die Erde, wie wir gesehen haben, aus dem Zusammentreffen der Himmelswirkungen mit ihrem finsteren Eigenkern die Offenbarung einer vielfältigen Licht- und Farbenformenfülle zu erzeugen. Sie entringt sich so der Einsamkeit der schweigsamen Sternennacht, die auf dem Mond auch bei Tag weiterfunkelt, und erwacht aus dämmrigem Zwielicht im Purpurtraum der Höhen zum Eigenleben. Sie blaut im Himmelszelt, grünt im Pflanzenteppich, glitzert im Morgentau und blüht im Regenfarbenbogen der Morgensonne entgegen.
Alle die vielen Einzelbeobachtungen und Einzelexperimente der Naturwissenschaft, so führt Rudolf Steiner einmal aus, können nie zu einer wirklichen Gesamtauffassung der Natur führen, wenn nicht die Fähigkeit in dem Menschen entsteht, etwas Ähnliches draußen in der Natur zu schauen, wie man gegenüber den Einzelheiten, den Lebervorgängen, Nierenvorgängen, den Herzvorgängen usw., in der Totalität des menschlichen Organismus schauen kann.

Rudolf Steiner führt dann aus, wie eine solche Totalanschauung erwachsen wird, wenn die einzelnen Phänomene in prinzipieller Weise in den Tageslauf beziehungsweise in den lahreslauf eingegliedert werden, die jeweils eine Art Zeitorganismus darstellen, der in sich faßt eine Summe von Naturprozessen. Damit aber entsteht zugleich die Möglichkeit, den Menschen über jenes abstrakte Verhältnis zur Naturumgebung hinauszuführen, das er zu den Beschreibungen der physikalischen und chemischen Experimente hat oder zu dem, was ihm heute vielfach in der Pflanzenlehre oder Tierlehre gesagt wird. Denn im Tageslauf- und Jahreslauforganismus findet er gewissermaßen seinesgleichen. Wir glauben, in unseren Ausführungen mit Hilfe der goetheanistischen Art des Anschauens eine Stütze für diese Auffassung erbracht zu haben.

Sie liegt zugleich ganz in Goethes künstlerischer Weltauffassung. Faust wendet sich sehnsuchtsvoll zum Sonnenaufgang, zur Fülle des kosmischen Lichtes - doch: »leider schon geblendet, kehr' ich mich weg, vom Augenschmerz durchdrungen ... So bleibe denn die Sonne mir im Rücken!« - ruft der Erdenmensch, dessen Organisation noch nicht reif ist, die Fülle des Lichtes direkt zu erfassen. Muß er deshalb der Finsternis und dem Chaos der Elemente verfallen? Muß er, indem er von ihnen Besitz ergreift, das »Himmelslicht - er nennt's Vernunft -« unbedingt in weltfremden Abstraktionen, im Spekulieren und Irrlichtelieren vergeuden oder in der technischen Stoffbewältigung zur Befriedigung seiner Egoismen und zur Anstachelung des inneren Sturms der Leidenschaften mißbrauchen? Goethe gibt, dem inneren Licht vertrauend, die wegweisende Antwort, indem er unser Augenmerk auf den heilsamen Ausgleich von Polaritäten lenkt. Faust erblickt an der Grenze von Tag und Nacht im Morgenkreis der Erde stehend die milde Farbengestalt des Regenbogens. Angesichts des von der Erdenschwere ergriffenen Wassersturzes, der gleichzeitig vom schwerelosen kosmischen Lichtstrom durchwoben wird, entringen sich ihm die Worte, die unsere Betrachtungen zusammenfassen mögen:

Allein wie herrlich, diesem Sturm ersprießend,
Wölbt sich des bunten Bogens Wechseldauer,
Bald rein gezeichnet, bald in Luft zerfließend,
Umher verbreitend duftig kühle Schauer!
Der spiegelt ab das menschliche Bestreben.
Ihm sinne nach, und du begreifst genauer:
Am farbigen Abglanz haben wir das Leben.
Faust II, I